Die historischen Wurzeln: Mulsanne I (1980–1992)
Der Name Mulsanne wurde erstmals 1980 für eine Luxuslimousine verwendet, die auf der Plattform des Rolls-Royce Silver Spirit basierte. Diese erste Generation entstand noch in der Ära, als Bentley und Rolls-Royce eng verbunden waren und viele Komponenten teilten. Der ursprüngliche Mulsanne war mit einem 6,75-Liter-V8-Motor ausgestattet, der zunächst rund 200 PS leistete. Im Laufe der Jahre folgten verschiedene Varianten wie der Mulsanne Turbo (ab 1982) mit Turbolader und deutlich gesteigerter Leistung sowie der Mulsanne S (ab 1987). Die Turbo-Versionen galten als die sportlichsten Bentley-Limousinen ihrer Zeit und waren bei wohlhabenden Enthusiasten sehr begehrt. Der Mulsanne Turbo R, der 1985 eingeführt wurde, kombinierte Luxus mit beeindruckender Performance und gilt heute als Meilenstein in der Markengeschichte. Diese erste Mulsanne-Ära endete 1992, als Bentley seine Modellpalette umstrukturierte und Modelle wie Turbo R und Brooklands den Namen ablösten.
Bentley Mulsanne II – erste Generation (2010–2020)
Nach fast zwei Jahrzehnten Pause kehrte der Name Mulsanne 2010 zurück, nun unter der Ägide des Volkswagen-Konzerns, der Bentley 1998 übernommen hatte. Der neue Mulsanne wurde auf dem Pariser Automobilsalon 2009 vorgestellt und löste den auf Basis des VW Phaeton entwickelten Bentley Arnage ab. Anders als der Arnage erhielt der Mulsanne eine eigenständige Plattform, die nicht mit anderen Konzernmarken geteilt wurde – ein Statement für Exklusivität und Eigenständigkeit. Mit 5,57 Metern Länge, 2,21 Metern Breite und einem Leergewicht von rund 2,6 Tonnen war der Mulsanne eine imposante Erscheinung. Das Design stammte von Dirk van Braeckel und kombinierte klassische Bentley-Designelemente wie die Matrix-Kühlergrill-Struktur mit modernen Linien.
Herzstück war der überarbeitete 6,75-Liter-V8-Biturbo-Motor mit 512 PS (377 kW) und 1.020 Nm Drehmoment, der von dem legendären L-Series-V8 abstammte, welcher bereits im ursprünglichen Mulsanne zum Einsatz kam. Dieser Motor wurde vollständig von Hand in Crewe, England, gefertigt und mit einer Achtstufen-Automatik von ZF kombiniert. Trotz des erheblichen Gewichts beschleunigte der Mulsanne in 5,1 Sekunden von null auf 100 km/h und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 296 km/h. Der Innenraum bot Platz für vier bis fünf Personen und wurde in traditioneller Handarbeit mit edelstem Leder und furniertem Holz ausgestattet – jeder Mulsanne benötigte rund 400 Arbeitsstunden für die Innenausstattung allein.
Mulsanne – Facelift und Erweiterungen (2013–2016)
Im Jahr 2012 erweiterte Bentley die Mulsanne-Baureihe um die sportlichere Variante Mulsanne Mulliner Driving Specification, die sportlichere Fahrwerksabstimmung, spezielle 21-Zoll-Räder und exklusive Designdetails bot. 2013 folgte ein dezentes Facelift mit überarbeiteten LED-Scheinwerfern, neuen Felgendesigns und erweiterten Individualisierungsmöglichkeiten durch die Mulliner-Abteilung. Bentleys hauseigene Manufaktur Mulliner bot nahezu grenzenlose Personalisierungsmöglichkeiten, von handbemalten Lackierungen bis zu maßgefertigten Interieur-Details.
2014 kam der Mulsanne Speed hinzu, eine Performance-Version mit gesteigerter Motorleistung von 537 PS (395 kW) und 1.100 Nm Drehmoment. Der Speed beschleunigte in 4,9 Sekunden auf 100 km/h und erreichte 305 km/h Höchstgeschwindigkeit – beeindruckende Werte für eine Luxuslimousine dieser Größe und dieses Gewichts. Parallel wurde 2015 der Mulsanne Extended Wheelbase eingeführt, der den Radstand um 250 mm auf 3,516 Meter verlängerte und damit vor allem den Fondpassagieren deutlich mehr Beinfreiheit bot. Diese Version richtete sich gezielt an chauffierte Kunden und war besonders in Asien und im Nahen Osten gefragt.
Zweites Facelift (2016–2020)
2016 erfuhr der Mulsanne sein umfangreichstes Update. Die Frontpartie wurde mit einer neu gestalteten Motorhaube, überarbeiteten Scheinwerfern mit LED-Matrix-Technologie und einem modifizierten Kühlergrill aufgefrischt. Am Heck erhielt die Limousine neue LED-Rückleuchten mit charakteristischer Grafik. Im Innenraum kamen neue Sitze, ein überarbeitetes Infotainmentsystem mit Acht-Zoll-Touchscreen und erweiterte Konnektivitätsfunktionen hinzu. Die technische Basis blieb weitgehend gleich, wobei alle Varianten – Mulsanne, Mulsanne Extended Wheelbase und Mulsanne Speed – weiterhin angeboten wurden.
Der Mulsanne Speed wurde nun mit 537 PS zum leistungsstärksten Serienmodell der Baureihe. Die Extended-Wheelbase-Version erhielt zusätzliche Komfortfeatures wie elektrisch verstellbare, beheizbare und belüftete Fondliegesitze mit Massagefunktion, ausfahrbare Fußstützen und kleine Klapptische. Optional waren auch Kühlschrank, Champagner-Flöten und ein Naim-Soundsystem mit bis zu 2.200 Watt Leistung erhältlich. Das Fahrwerk mit adaptiven Luftfederung und die Wankstabilisierung sorgten trotz der Größe für überraschend agiles Fahrverhalten.
Das Ende einer Ära (2020)
Im Jahr 2020 lief die Produktion des Bentley Mulsanne aus. Bentley entschied sich, das Flaggschiff einzustellen und die Ressourcen auf die Elektrifizierung der Modellpalette zu konzentrieren. Der Flying Spur, der eine Nummer kleiner war, übernahm fortan die Rolle der großen Luxuslimousine im Bentley-Portfolio, allerdings auf Basis der MSB-Plattform des Porsche Panamera. Zum Abschied legte Bentley eine limitierte Sonderauflage namens Mulsanne 6.75 Edition by Mulliner auf, von der nur 30 Exemplare gebaut wurden. Diese Sonderserie ehrte den legendären 6,75-Liter-V8-Motor, der über sechs Jahrzehnte in verschiedenen Bentley-Modellen zum Einsatz kam.
Die 6.75 Edition zeichnete sich durch einzigartige Designmerkmale aus: dunkle Chrom-Akzente, spezielle Schriftzüge, eine Motorplakette mit dem Hinweis auf das letzte Exemplar des 6,75-Liter-V8 und exklusive Interieur-Details wie eingravierte Treadplates und spezielle Stickereien. Jedes Fahrzeug wurde mit einem nummerierten Echtheitszertifikat ausgeliefert. Der Neupreis lag in Deutschland bei rund 330.000 Euro für den Standard-Mulsanne, während die Extended-Wheelbase-Version ab etwa 360.000 Euro und der Speed ab 350.000 Euro kosteten. Die 6.75 Edition wurde deutlich höher gehandelt.
Technische Besonderheiten und Fertigung
Der Mulsanne wurde vollständig im Bentley-Werk in Crewe, England, handgefertigt. Jedes Fahrzeug durchlief einen rund sechswöchigen Fertigungsprozess, bei dem bis zu 200 Handwerker beteiligt waren. Die Aluminiumkarosserie wurde teilweise noch in traditioneller Handarbeit geformt. Der 6,75-Liter-V8-Motor mit zwei Turboladern wurde von einem einzigen Motorenbauer komplett montiert, der seine Signatur auf dem Motor anbrachte. Das Interieur wurde mit Leder von ausgesuchten Rindern aus kühleren Regionen bezogen, da diese weniger Insektenstiche aufwiesen und somit fehlerfreies Leder lieferten. Für das Armaturenbrett und die Türverkleidungen wurden Holzfurniere aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern verwendet, die in aufwändigen Verfahren veredelt wurden.
Der Mulsanne stand symbolisch für eine auslaufende Ära großer, handgefertigter Luxuslimousinen mit großvolumigen Verbrennungsmotoren. Mit einem kombinierten Verbrauch von rund 15 bis 16 Litern auf 100 Kilometer und CO2-Emissionen von über 340 g/km entsprach er nicht mehr den modernen Anforderungen an Effizienz und Nachhaltigkeit. Dennoch bleibt der Mulsanne II ein bedeutendes Kapitel in der Bentley-Geschichte – als letzter Vertreter einer traditionellen Luxusphilosophie, die Handwerkskunst, Performance und Exklusivität in den Vordergrund stellte.