Die Entwicklung und technische Basis (2006-2012)
Der Ferrari 599 GTB Fiorano wurde erstmals 2006 auf dem Genfer Automobilsalon präsentiert und kam im gleichen Jahr auf den deutschen Markt. Das Design stammt aus der Feder von Pininfarina, wobei Frank Stephenson als Designdirektor maßgeblich am Gesamtkonzept beteiligt war. Die Aluminium-Spaceframe-Konstruktion setzte konsequent auf Leichtbau und ermöglichte trotz der enormen Dimensionen ein Leergewicht von etwa 1.690 Kilogramm. Der 5.999 cm³ große V12-Motor basierte auf dem Aggregat des Enzo Ferrari, wurde jedoch für den 599 GTB grundlegend überarbeitet. Mit 620 PS bei 7.600 U/min und einem maximalen Drehmoment von 608 Newtonmetern bei 5.600 U/min beschleunigte der Gran Turismo in 3,7 Sekunden von null auf 100 km/h. Die Kraftübertragung erfolgte über ein F1-Superfast-Getriebe, ein elektrohydraulisches Sechsgang-Schaltgetriebe, das Schaltvorgänge in nur 100 Millisekunden ermöglichte. Alternativ bot Ferrari ein klassisches Sechsgang-Schaltgetriebe an, das jedoch nur selten gewählt wurde.
Technische Innovationen und Fahrwerksbesonderheiten
Der 599 GTB führte mehrere technische Neuerungen ein, die später in anderen Ferrari-Modellen zum Einsatz kamen. Das SCM-E-Diff-System (Sistema di Controllo Magnetoreologico Electronic Differential) arbeitete mit magnetorheologischen Dämpfern, die ihre Härte in Millisekunden anpassen konnten. Die F1-Trac-Traktionskontrolle wurde speziell für die Leistungsentfaltung des V12-Motors entwickelt und ermöglichte eine präzise Dosierung der Traktion beim Beschleunigen aus Kurven. Das Bremssystem mit 398 Millimeter großen Carbonkeramik-Bremsscheiben (CCM) gehörte zur Serienausstattung und ermöglichte Verzögerungswerte, die zuvor nur von reinen Rennwagen erreicht wurden. Die Gewichtsverteilung lag bei nahezu idealen 47 Prozent vorne zu 53 Prozent hinten, was dem 599 GTB ein außergewöhnlich ausgewogenes Handling verlieh.
Ferrari 599 GTB HGTE (2009)
Im Jahr 2009 präsentierte Ferrari das HGTE-Paket (Handling Gran Turismo Evoluzione), das den 599 GTB noch sportlicher ausrichtete. Dieses Paket umfasste modifizierte Magnetorheologische Dämpfer mit strafferer Abstimmung, optimierte Federn, eine um zehn Millimeter reduzierte Bodenfreiheit und ein überarbeitetes Fahrwerksprogramm für das Manettino-System am Lenkrad. Optisch unterschied sich der HGTE durch spezielle Felgen im 20-Zoll-Format, matt-graue Außenspiegel und charakteristische Streifen auf der Motorhaube und dem Heckdeckel. Die Gewichtseinsparung betrug etwa 40 Kilogramm durch den Einsatz von leichteren Sitzen und reduzierten Dämmmaterialien. Der HGTE wurde nicht als eigenständiges Modell verkauft, sondern als Option für den regulären 599 GTB angeboten und war besonders bei sportlich orientierten Kunden beliebt, die den Gran Turismo häufiger auf Rennstrecken bewegen wollten.
Ferrari 599 GTO (2010-2011)
Die ultimative Steigerung des 599-Konzepts stellte der 599 GTO dar, der 2010 vorgestellt wurde. Die Abkürzung GTO steht für "Gran Turismo Omologata" und knüpft an legendäre Ferrari-Rennwagen der Vergangenheit an. Mit 670 PS aus dem auf 6,0 Liter Hubraum belassenen V12-Motor war der GTO 50 PS stärker als der reguläre GTB. Durch konsequenten Leichtbau mit ausgedehntem Einsatz von Carbon und dem Verzicht auf Komfortausstattung wog der GTO nur noch 1.495 Kilogramram – 195 Kilogramm weniger als der GTB. Die Beschleunigung von null auf 100 km/h erfolgte in nur 3,35 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 335 km/h. Die Rundenzeit auf der Fiorano-Teststrecke betrug 1:24 Minuten, womit der 599 GTO zum damaligen Zeitpunkt der schnellste straßenzugelassene Ferrari aller Zeiten war. Die Aerodynamik wurde grundlegend überarbeitet, mit einem neu gestalteten Unterboden, zusätzlichen Luftleitblechen und einem aktiven Heckflügel. Die Produktion war auf 599 Exemplare limitiert, für den deutschen Markt lag der Einstiegspreis bei etwa 310.000 Euro.
Sondermodelle und limitierte Editionen
Neben dem GTO entstanden weitere exklusive Varianten des 599. Der 599 SA Aperta von 2010 war eine Roadster-Version, die auf dem GTO basierte und auf nur 80 Exemplare limitiert war. Mit einem abnehmbaren Stoffverdeck und der gleichen Motorleistung wie der GTO kostete der SA Aperta deutlich über 400.000 Euro und war fast ausschließlich für Sammler und langjährige Ferrari-Kunden reserviert. Ferrari produzierte zudem zahlreiche Einzelanfertigungen über das Special Projects Programm, darunter den 599 XX, eine nicht straßenzugelassene Track-Version mit 720 PS, die nur an ausgewählte Kunden verkauft und bei Ferrari-Events eingesetzt wurde. Der 599 XX Evoluzione stellte eine nochmalige Steigerung dar mit weiter optimierter Aerodynamik und 750 PS Leistung.
Marktpositionierung und Nachfolger
Der Ferrari 599 GTB Fiorano positionierte sich als klassischer GT-Sportwagen im Segment der Supersportwagen mit Frontmotor-Konfiguration. In Deutschland lag der Neupreis bei Markteinführung 2006 bei etwa 242.000 Euro. Hauptkonkurrenten waren der Mercedes-Benz SLR McLaren, der Aston Martin DBS und später der Lamborghini Aventador, wobei der 599 durch seinen V12-Frontmotor und die Gran-Turismo-Ausrichtung eine Sonderstellung einnahm. Insgesamt wurden von 2006 bis 2012 etwa 3.000 Exemplare des 599 GTB und seiner Varianten produziert. Der Nachfolger F12berlinetta wurde 2012 vorgestellt und bot mit 740 PS deutlich mehr Leistung, setzte aber das Konzept des V12-Frontmotor-Sportwagens konsequent fort. Der F12berlinetta wurde seinerseits 2017 vom 812 Superfast abgelöst, der heute die Spitze dieser Ferrari-Linie bildet. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt sind gut erhaltene 599 GTB heute begehrte Sammlerstücke, deren Preise je nach Zustand, Laufleistung und Ausstattung zwischen 130.000 und 200.000 Euro liegen, während GTO-Modelle deutlich über 600.000 Euro erzielen.
Bedeutung für Ferrari und das Erbe
Der Ferrari 599 GTB Fiorano markiert einen wichtigen Meilenstein in der Firmengeschichte. Er war einer der letzten klassischen Ferrari-Sportwagen, die noch ohne moderne Turboaufladung auskamen und stattdessen auf einen hochdrehenden Saugmotor setzten. Die Kombination aus V12-Motor im Bug, Hinterradantrieb und manuell wählbarem Schaltgetriebe repräsentiert eine Philosophie, die zunehmend von downsizing-Motoren und Hybridantrieben verdrängt wird. Viele Enthusiasten betrachten den 599 daher als einen der letzten "echten" Ferrari-Sportwagen alter Schule. Die technischen Innovationen wie das SCM-E-Diff-System und die F1-Trac-Traktionskontrolle flossen in spätere Modelle ein und prägten die Entwicklung von Ferrari nachhaltig. Mit seiner Kombination aus Alltagstauglichkeit, Langstreckentauglichkeit und überragender Fahrdynamik erfüllte der 599 GTB die klassische Gran-Turismo-Formel in Perfektion und setzte Maßstäbe, die bis heute Gültigkeit besitzen.