Die Ära des Ferrari FF (2011–2016)
Im März 2011 enthüllte Ferrari auf dem Genfer Autosalon den FF als Nachfolger des 612 Scaglietti, allerdings mit einem radikal anderen Konzept. Während der 612 ein klassischer 2+2-Gran-Turismo mit Heckantrieb war, setzte der FF auf eine einzigartige Shooting-Brake-Karosserie mit steil abfallender Dachlinie und großer Heckklappe. Das von Pininfarina unter der Leitung von Ferrari-Chefdesigner Flavio Manzoni gestaltete Design polarisierte: Die langgezogene Motorhaube, die muskulösen Radhäuser und das abrupte Heck waren eine radikale Abkehr von klassischen Ferrari-Proportionen. Mit einer Länge von 4.907 mm, einer Breite von 1.953 mm und einer Höhe von 1.379 mm war der FF deutlich kompakter als sein Vorgänger, wirkte aber durch die Shooting-Brake-Form deutlich wuchtiger.
Das Herzstück des FF bildete der 6,3-Liter-V12-Saugmotor (Typ F140 EB), der aus dem 599 GTO stammte, aber für den FF modifiziert wurde. Mit 485 kW (660 PS) bei 8.000 U/min und 683 Nm Drehmoment bei 6.000 U/min beschleunigte der FF in 3,7 Sekunden von null auf 100 km/h und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 335 km/h. Gekoppelt war der Motor an ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Die wahre Innovation war jedoch das 4RM-Allradsystem ("4 Ruote Motrici"), das Ferrari exklusiv für den FF entwickelte. Anders als konventionelle Allradsysteme verzichtete Ferrari auf eine Kardanwelle zur Vorderachse. Stattdessen erhielt die Vorderachse ein eigenes, vom Hauptgetriebe unabhängiges Zweiganggetriebe (PTU – Power Transfer Unit), das direkt mit der Kurbelwelle verbunden war. Dieses System war 50 Prozent leichter als ein konventioneller Allradantrieb und verteilte bis zu 20 Prozent der Leistung an die Vorderachse – allerdings nur bis etwa 200 km/h, darüber war der FF ein reiner Hecktriebler.
Der Innenraum bot tatsächlich Platz für vier Erwachsene, wobei die Fondsitze allerdings eher für kürzere Strecken oder Kinder geeignet waren. Die Verarbeitung entsprach Ferrari-Standards mit viel Leder, Alcantara und Aluminium. Das Armaturenbrett war fahrerzentriert mit einem großen Drehzahlmesser in der Mitte und einem TFT-Display. Der Verbrauch lag im NEFZ-Zyklus bei 15,4 Litern auf 100 Kilometer, was für einen V12 mit dieser Leistung moderat war. Der deutsche Listenpreis startete bei etwa 260.000 Euro. In Deutschland wurden zwischen 2011 und 2016 nur wenige Dutzend Exemplare zugelassen, was den FF heute zu einem seltenen Sammlerstück macht.
Modellpflege und Entwicklung (2011–2016)
Im Gegensatz zu vielen anderen Ferrari-Modellen erhielt der FF während seiner fünfjährigen Produktionszeit kein klassisches Facelift. Ferrari konzentrierte sich stattdessen auf kontinuierliche technische Verbesserungen und Detailoptimierungen. 2012 wurde das Infotainment-System aktualisiert und um Apple-CarPlay-Kompatibilität erweitert – Ferrari war einer der ersten Hersteller überhaupt, der diese Funktion anbot. 2013 erhielt der FF optional Magnetdämpfer (SCM-E), die den Fahrkomfort deutlich verbesserten, ohne die sportlichen Eigenschaften zu beeinträchtigen. Die Lackpalette wurde über die Jahre erweitert, und Ferrari bot zunehmend individuelle Personalisierungsoptionen über das Programm "Tailor Made" an.
Optisch blieb der FF über die gesamte Bauzeit weitgehend unverändert. Kleinere Änderungen gab es bei den Leichtmetallrädern, die in neuen Designs angeboten wurden, und bei einigen Außenfarben. 2014 führte Ferrari eine überarbeitete Abgasanlage ein, die den Sound noch emotionaler machte, ohne die Geräuschemissionen signifikant zu erhöhen. Im Innenraum wurden neue Lederfarben und Ziernähte verfügbar. 2015 erhielt der FF als eines der letzten Updates ein überarbeitetes Navigationssystem mit schnellerer Prozessor-Hardware. Die Grundabstimmung von Motor, Fahrwerk und Allradsystem blieb jedoch über alle Baujahre konstant, was die Entwicklungsreife des Konzepts unterstreicht.
Der Übergang zum GTC4Lusso (2016)
2016 präsentierte Ferrari auf dem Genfer Autosalon den GTC4Lusso als direkten Nachfolger des FF. Der Name – Gran Turismo Coupé 4 posti (vier Sitze) Lusso (Luxus) – beschrieb das Konzept präziser als das kryptische "FF". Optisch war der GTC4Lusso eine behutsame Evolution des FF mit strafferer Linienführung, neuen LED-Scheinwerfern, einem überarbeiteten Kühlergrill und modifizierten Lufteinlässen. Das Heck erhielt neue Rückleuchten und einen redesignten Diffusor. Die Abmessungen blieben nahezu identisch (4.922 x 1.980 x 1.383 mm), aber durch Aerodynamik-Optimierungen sank der cW-Wert von 0,33 auf 0,32.
Technisch brachte der GTC4Lusso signifikante Verbesserungen: Der V12-Motor leistete nun 507 kW (690 PS) bei 8.000 U/min, das Drehmoment stieg auf 697 Nm bei 5.750 U/min. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h sank auf 3,4 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit blieb bei 335 km/h. Das 4RM-Allradsystem der zweiten Generation (4RM-S) integrierte nun erstmals das Seitenrutschwinkelsystem (Side Slip Control, SSC) der vierten Generation, das auch im 488 GTB zum Einsatz kam. Hinzu kam eine Vierradlenkung, die die Wendigkeit in Kurven erhöhte und die Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten verbesserte. Der Innenraum wurde mit einem neuen 10,25-Zoll-Touchscreen-Display ausgestattet, das Lenkrad erhielt mehr Bedienelemente, und die Materialqualität wurde nochmals gesteigert.
2017 erweiterte Ferrari die Palette um den GTC4Lusso T, eine Variante mit V8-Turbomotor. Der 3,9-Liter-V8-Biturbo aus dem 488 leistete 448 kW (610 PS) und 760 Nm, verzichtete jedoch auf den Allradantrieb und setzte auf reinen Heckantrieb. Der GTC4Lusso T war leichter (1.920 kg statt 1.990 kg), günstiger (Einstiegspreis in Deutschland circa 220.000 Euro statt 290.000 Euro) und verbrauchsärmer (11,6 statt 14,3 Liter), bot aber auch deutlich weniger Zylinder-Charisma. Diese Variante richtete sich an Kunden, die den Gran-Turismo-Komfort des Konzepts schätzten, aber keinen Allradantrieb benötigten und mit V8-Power zufrieden waren. Die Produktion beider GTC4Lusso-Varianten endete 2020, ohne dass ein direkter Nachfolger angekündigt wurde. Ferrari konzentrierte sich stattdessen auf den Purosangue, einen echten SUV mit vier Türen, der 2022 vorgestellt wurde und das Vier-bis-Fünfsitzer-Segment neu definierte.
Bedeutung und Vermächtnis
Der Ferrari FF war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Das 4RM-Allradsystem bewies, dass Ferrari innovative technische Lösungen jenseits des Mainstreams entwickeln konnte. Die Shooting-Brake-Karosserie war ein mutiges Statement gegen die SUV-Welle und zeigte, dass Alltagstauglichkeit nicht zwingend eine hohe Bodenfreiheit erfordert. Mit nur etwa 2.291 produzierten Exemplaren des FF (über alle Baujahre) und geschätzt 3.000 GTC4Lusso (beide Varianten zusammen bis 2020) blieben diese Modelle Raritäten. Heute gelten sie als unterschätzte Klassiker mit Wertsteigerungspotenzial, insbesondere gepflegte FF mit niedriger Laufleistung. Der FF bewies, dass ein Ferrari mit V12, Allrad und Platz für die Familie technisch möglich war – auch wenn der Markt letztlich doch eher SUVs bevorzugte.