Die Anfänge: Ferrari FF (2011-2016)
Die Geschichte des GTC4Lusso beginnt mit dem Ferrari FF, der 2011 auf dem Genfer Automobilsalon vorgestellt wurde. FF steht für "Ferrari Four", was sich sowohl auf die vier Sitze als auch auf den Allradantrieb bezieht. Der FF war Ferraris erster Versuch seit dem 456 GT, einen echten viersitzigen Gran Turismo zu bauen, und gleichzeitig der erste Ferrari mit Allradantrieb für die Straße. Das markante Shooting-Brake-Design stammte von Pininfarina und brach radikal mit den Linien traditioneller Ferrari-Sportwagen. Der 6,3-Liter-V12-Motor leistete 485 kW (660 PS) und wurde mit einem innovativen Allradsystem namens 4RM kombiniert. Dieses System verteilte bis zu 47 Prozent der Antriebskraft auf die Vorderachse über ein separates Zweiganggetriebe, was den FF zum ersten Ferrari mit echter Wintereignung machte. Mit einem Kofferraumvolumen von 450 bis 800 Litern bot der FF deutlich mehr Nutzwert als jeder andere Ferrari seiner Zeit.
Technische Besonderheiten des Ferrari FF
Das 4RM-Allradsystem (4 Ruote Motrici) des FF war eine technische Meisterleistung. Anders als konventionelle Allradsysteme nutzte Ferrari ein kompaktes Zweiganggetriebe an der Vorderachse, das direkt mit der Kurbelwelle verbunden war und damit deutlich leichter ausfiel als herkömmliche Lösungen. Das System war nur bis 120 km/h aktiv, darüber hinaus arbeitete der FF als reiner Hecktriebler. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe übertrug die Kraft an die Hinterachse, während das elektronische Seitenkraftregelungssystem SCM-E (Controllo Stabilità e Trazione) für optimale Traktion sorgte. Der FF wog trotz seiner Größe und des Allradsystems nur 1790 kg und erreichte 335 km/h Höchstgeschwindigkeit. Der Neupreis lag in Deutschland bei etwa 265.000 Euro, womit der FF im Segment der Luxus-Gran-Turismos positioniert war.
Ferrari GTC4Lusso (2016-2020)
Im Februar 2016 präsentierte Ferrari auf dem Genfer Automobilsalon den Nachfolger des FF unter dem Namen GTC4Lusso. Die Bezeichnung erinnert an klassische Ferrari-Gran-Turismos und steht für Gran Turismo Coupé mit vier Sitzen. Äußerlich erhielt der GTC4Lusso ein umfassendes Facelift mit überarbeiteter Front- und Heckpartie. Die Frontschürze wirkte aggressiver, neue LED-Scheinwerfer und ein neu gestalteter Kühlergrill modernisierten das Erscheinungsbild. Am Heck fielen die neu geformten Rückleuchten auf, die an den Ferrari F12berlinetta erinnerten. Die größten Änderungen fanden jedoch unter der Karosserie statt: Der V12-Motor wurde auf 507 kW (690 PS) aufgebohrt, was 30 PS mehr bedeutete. Das maximale Drehmoment stieg auf 697 Nm. Ferrari überarbeitete das Allradsystem 4RM grundlegend und integrierte es mit der Hinterachslenkung und dem Seitenschlupfregelungssystem Side Slip Control 4.0 zu einer noch präziseren Einheit.
Technologie und Innenraum des GTC4Lusso
Im Interieur führte Ferrari beim GTC4Lusso ein komplett neues Infotainmentsystem mit 10,25-Zoll-Touchscreen ein. Der Beifahrer erhielt einen eigenen Display, auf dem Fahrdaten, Navigationsinformationen und Multimedia-Inhalte angezeigt werden konnten – eine Weltneuheit im Sportwagensegment. Das neue Lenkrad orientierte sich am Design des Ferrari 488 und integrierte alle wichtigen Bedienelemente. Die Materialqualität wurde nochmals gesteigert, und Ferrari bot umfangreiche Individualisierungsmöglichkeiten über das Atelier-Programm an. Der Kofferraum fasste weiterhin 450 Liter, konnte aber durch Umklappen der hinteren Sitze auf 800 Liter erweitert werden. Die Rücksitze waren für Personen bis 1,80 Meter Körpergröße nutzbar, was für einen Sportwagen dieser Kategorie außergewöhnlich war. Der kombinierte Verbrauch lag bei 15,0 Litern auf 100 Kilometer, die CO2-Emissionen bei 350 g/km.
Ferrari GTC4Lusso T (2016-2020)
Parallel zum V12-Modell stellte Ferrari 2016 den GTC4Lusso T vor. Das "T" steht für Turbo und kennzeichnet einen grundlegenden Unterschied: Statt des V12 arbeitet unter der Haube ein 3,9-Liter-V8-Biturbo mit 449 kW (610 PS) und 760 Nm Drehmoment. Dieser Motor stammte aus dem Ferrari 488 GTB und machte den GTC4Lusso T zum ersten V8-Ferrari mit vier Sitzen seit dem Dino 308 GT4. Der entscheidende Unterschied zum großen Bruder: Der GTC4Lusso T verzichtete auf das Allradsystem und trieb ausschließlich die Hinterachse an. Dies reduzierte das Gewicht um etwa 100 kg auf 1690 kg und machte den T deutlich agiler und heckbetonter im Fahrverhalten. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h dauerte 3,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 320 km/h. Der Verbrauch sank auf 11,6 Liter, die CO2-Emissionen auf 271 g/km. Preislich startete der GTC4Lusso T in Deutschland bei etwa 230.000 Euro und positionierte sich damit rund 70.000 Euro unter dem V12-Modell.
Marktpositionierung und Konkurrenz
Der GTC4Lusso konkurrierte im exklusiven Segment der viersitzigen Luxus-Sportwagen mit Modellen wie dem Bentley Continental GT, Aston Martin Rapide S und Porsche Panamera Turbo. Keiner dieser Konkurrenten bot jedoch die Kombination aus V12-Power, Allradantrieb und Shooting-Brake-Design. Die größte Stärke des GTC4Lusso war seine Vielseitigkeit: Er eignete sich gleichermaßen für Rennstreckenbesuche, Winterurlaube in den Alpen und Langstreckenreisen mit der Familie. Ferrari produzierte beide Varianten bis 2020, dann endete die Produktion ohne direkten Nachfolger. Der GTC4Lusso bleibt damit ein Unikat im Ferrari-Portfolio – ein Supersportwagen, der echte Alltagstauglichkeit mit kompromissloser Performance verband. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt gelten beide Versionen als Geheimtipp für Ferrari-Enthusiasten, die einen nutzbaren Supersportwagen suchen.
Fahrdynamik und Performance
Die Fahrdynamik des GTC4Lusso profitierte von zahlreichen Technologien aus dem Ferrari-Rennsport. Das magnetorheologische Dämpfersystem SCM-E passte die Dämpferhärte in Millisekunden an die Fahrsituation an. Die elektronische Hinterachslenkung (4WS) verbesserte die Agilität bei niedrigen Geschwindigkeiten und die Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten. Das Bremssystem mit 398-mm-Carbonkeramikscheiben vorne und 360-mm-Scheiben hinten sorgte für verzögerungsfreie Verzögerung selbst bei Rennstreckeneinsätzen. Ferrari bot verschiedene Fahrmodi über das Manettino am Lenkrad: Comfort für entspanntes Cruisen, Sport für dynamische Landstraßenfahrten und ESC-Off für maximale Fahrdynamik. Die Gewichtsverteilung von 47:53 (vorne:hinten) beim V12-Modell ergab ein nahezu neutrales Handling. Der GTC4Lusso T mit Hinterradantrieb zeigte sich spielfreudiger und erlaubte kontrollierte Drifts, während der Allrad-V12 auch bei widrigen Bedingungen kompromisslose Traktion bot.