Series 1 (1961-1968): Die Geburt einer Legende
Die erste Serie des Jaguar E-Type wurde im März 1961 auf dem Genfer Automobilsalon präsentiert und löste eine Sensation aus. Der E-Type Series 1 basierte technisch auf dem Rennwagen D-Type und bot spektakuläre Fahrleistungen zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Angetrieben wurde er von einem 3,8-Liter-Reihensechszylinder mit 269 PS, der eine Höchstgeschwindigkeit von über 240 km/h ermöglichte – damals eine absolute Sensation. Die Karosserie aus Stahl mit Aluminium-Motorhaube und -Kofferraumdeckel wurde auf einem innovativen Monocoque-Chassis aufgebaut, während vorne eine aufwendige Einzelradaufhängung für hervorragende Fahreigenschaften sorgte. Der E-Type war anfangs als Roadster (OTS – Open Two Seater) und als Coupé (FHC – Fixed Head Coupé) erhältlich. 1964 erhielt die Series 1 eine Modellpflege mit verbesserter Synchronisierung des Viergang-Getriebes und optional größeren Bremsen. 1965 wurde der Motor auf 4,2 Liter Hubraum vergrößert, was die Durchzugskraft erhöhte, während die Leistung bei 269 PS blieb. Gleichzeitig wurde ein vollsynchronisiertes Getriebe und optional eine Dreigang-Automatik eingeführt. 1966 kam das 2+2-Coupé hinzu, das einen um 23 cm verlängerten Radstand und zwei Notsitze im Fond bot – ideal für den amerikanischen Markt, wo Versicherungsprämien für echte Zweisitzer explodierten. Die Series 1 gilt heute als die begehrteste Version, insbesondere die frühen 3,8-Liter-Modelle mit den markanten Scheinwerferabdeckungen aus Glas.
Series 1.5 (1968): Die Übergangsphase
Die oft als "Series 1.5" bezeichnete Übergangsversion wurde nur kurz zwischen März und September 1968 produziert und stellt heute eine besondere Rarität dar. Diese Version entstand, weil Jaguar amerikanische Sicherheits- und Emissionsvorschriften erfüllen musste, aber noch nicht alle Änderungen der kommenden Series 2 umgesetzt hatte. Die Series 1.5 behielt weitgehend das Design der Series 1 bei, erhielt aber bereits einige technische Modifikationen: offene Scheinwerfer ohne Glasabdeckungen, geänderte Rückleuchten, ein verändertes Kühlsystem und Modifikationen am Motor zur Erfüllung der US-Emissionsnormen. Der charakteristische Knebelschalter für die Elektrik wurde durch moderne Kippschalter ersetzt. Da nur wenige Hundert Exemplare der Series 1.5 gebaut wurden, sind diese heute besonders gesuchte Sammlerstücke. Für den deutschen Markt spielte diese Zwischenversion kaum eine Rolle, da die meisten Fahrzeuge in die USA exportiert wurden.
Series 2 (1968-1971): Modernisierung unter Zwang
Die Series 2, vorgestellt im Oktober 1968, war eine umfassendere Überarbeitung, die hauptsächlich durch amerikanische Vorschriften motiviert war. Die größten optischen Änderungen betrafen die Frontpartie: Die geschlossenen Scheinwerfer der Series 1 wichen offenen Scheinwerfern, die Lufteinlässe wurden vergrößert, und die Position der Blinker wanderte unter die Stoßstangen. Im Innenraum wurden die eleganten Knebelschalter durch moderne Kippschalter ersetzt, und die Sitze erhielten höhere Rückenlehnen. Die Motorleistung der für den US-Markt bestimmten Fahrzeuge sank aufgrund von Emissionsauflagen auf etwa 246 PS, während europäische Modelle weiterhin 269 PS leisteten. Das Fahrwerk wurde komfortabler abgestimmt, was den sportlichen Charakter etwas abschwächte, aber den Alltagskomfort erhöhte. Die Series 2 war weiterhin als Roadster, Coupé und 2+2-Coupé erhältlich. Auf dem deutschen Markt waren zu dieser Zeit nur wenige E-Types unterwegs, da der Preis deutlich über dem eines Porsche 911 lag und Importzölle sowie Mehrwertsteuer den Kaufpreis zusätzlich erhöhten. Heute ist die Series 2 erschwinglicher als die Series 1, bietet aber immer noch das klassische E-Type-Erlebnis.
Series 3 (1971-1975): Der V12-Gigant
Die finale Evolution des E-Type, die Series 3, wurde 1971 eingeführt und brachte die bedeutendste technische Änderung in der Geschichte des Modells: den V12-Motor. Der 5,3-Liter-V12 mit anfänglich 272 PS (später in einigen Märkten auf 241 PS reduziert) war ursprünglich für Rennwageneinsätze entwickelt worden und bot nun eine seidenweiche Leistungsentfaltung und beeindruckende Durchzugskraft. Der V12-Motor machte den E-Type schwerer (rund 200 kg mehr als die Series 1), was zusammen mit der komfortorientierten Abstimmung den Charakter des Wagens veränderte – er wurde vom kompromisslosen Sportwagen zum schnellen Gran Turismo. Optisch war die Series 3 an der massiveren Kühleröffnung, den breiteren Radhäusern mit ausgestellten Radläufen und den neuen Felgen zu erkennen. Der Radstand wurde bei allen Varianten auf das Maß des 2+2-Modells vereinheitlicht; den kurzen Radstand gab es nicht mehr. Die Series 3 wurde ausschließlich als Roadster und 2+2-Coupé angeboten, das kurze Coupé entfiel. Im Innenraum spendierte Jaguar modernere Instrumente und bessere Ausstattung. Die Servolenkung wurde serienmäßig verbaut, was die Handhabung des nun deutlich schwereren Wagens erleichterte. Die Produktion endete im Februar 1975, als verschärfte Sicherheits- und Emissionsvorschriften sowie die Ölkrise die Ära der klassischen Sportwagen beendeten. Insgesamt wurden 15.287 Exemplare der Series 3 gebaut, womit sie die meistgebaute E-Type-Variante ist. Heute werden V12-Roadster zu Höchstpreisen gehandelt, besonders in gutem Originalzustand.
Sondermodelle und Raritäten
Während der 14-jährigen Produktionszeit entstanden einige besondere E-Type-Varianten. Die Low Drag Coupés waren aerodynamisch optimierte Rennversionen mit nur 12 Exemplaren. Besonders begehrt sind die leichten Aluminium-Roadster der frühen Series 1, von denen nur wenige Dutzend gebaut wurden. 1963 entstanden zudem zwölf "Lightweight" E-Types für den Rennsport, die heute Millionenbeträge erzielen. Jaguar selbst hat 2014 begonnen, sechs nie gebaute Lightweight-Chassis mit der originalen Werksnummer nachzubauen und als Continuation-Modelle zu verkaufen – zum Stückpreis von über einer Million Pfund.
Der E-Type auf dem deutschen Markt
In Deutschland war der E-Type in den 1960er und 1970er Jahren ein seltener Anblick. Der Neupreis lag deutlich über dem eines Porsche 911, und die britische Qualität konnte mit deutscher Präzision nicht mithalten. Rost war ein chronisches Problem, besonders im feuchten mitteleuropäischen Klima. Dennoch entwickelte sich der E-Type zu einem begehrten Klassiker. Heute gibt es in Deutschland mehrere spezialisierte Werkstätten, die sich auf Restaurierung und Wartung von E-Types spezialisiert haben. Der Markt ist lebhaft: Projektfahrzeuge beginnen bei etwa 40.000 Euro, während vollrestaurierte Series 1 Roadster 150.000 bis 250.000 Euro kosten können. Die Series 2 ist mit 80.000 bis 120.000 Euro erschwinglicher, während V12-Roadster der Series 3 zwischen 100.000 und 180.000 Euro kosten. Besonders gefragte Matching-Numbers-Fahrzeuge mit Erstlackierung und lückenloser Historie erzielen Spitzenpreise. Der deutsche TÜV stellt besondere Anforderungen an historische Fahrzeuge, weshalb eine gründliche technische Überprüfung vor dem Kauf unerlässlich ist.
Technische Besonderheiten und Alltag
Der E-Type war seiner Zeit technisch voraus: Die selbsttragende Karosserie, die Einzelradaufhängung rundum und die Scheibenbremsen waren 1961 noch nicht selbstverständlich. Allerdings erfordert ein E-Type heute erheblichen Wartungsaufwand. Die Motorinstandsetzung ist komplex und teuer, Ersatzteile sind zwar verfügbar, aber kostspielig. Besonders die V12-Motoren sind wartungsintensiv und durstig (15-20 Liter Verbrauch). Das Getriebe, besonders die frühe Viergang-Version, gilt als anfällig. Rost ist der größte Feind, besonders an den Schwellern, im Bodenblech und an der Frontstruktur. Eine professionelle Restaurierung kann leicht 100.000 Euro übersteigen. Dennoch: Das Fahrerlebnis eines E-Type ist einzigartig. Die lange Motorhaube vor den Augen, das Klangbild des Sechszylinders oder V12, die direkte Lenkung und die zeitlose Eleganz machen jede Ausfahrt zu einem besonderen Erlebnis. Der E-Type ist kein Alltagsauto, sondern ein Stück Automobilgeschichte, das Pflege und Verständnis erfordert, aber mit unvergleichlichem Stil und Emotion belohnt.