Die Wurzeln: Maybach 57 und 62 (2002-2013)
Bevor die Maybach-Marke in die S-Klasse integriert wurde, versuchte Daimler zwischen 2002 und 2013 mit den eigenständigen Modellen Maybach 57 und 62, die Marke Maybach als Konkurrenz zu Rolls-Royce und Bentley wiederzubeleben. Diese auf der W220-S-Klasse basierenden Luxuslimousinen waren technisch und gestalterisch eigenständige Fahrzeuge mit Längen von 5,73 Metern (57) beziehungsweise 6,17 Metern (62). Trotz V12-Motoren mit bis zu 463 kW (630 PS) in der 62 S-Version und exquisitester Handwerkskunst blieb der kommerzielle Erfolg hinter den Erwartungen zurück. Die hohen Entwicklungskosten und niedrigen Verkaufszahlen führten 2013 zur Einstellung der eigenständigen Maybach-Limousinen.
Neustart als Mercedes-Maybach S-Klasse: X 222 (2015-2020)
Im Februar 2015 präsentierte Mercedes-Benz auf dem Genfer Autosalon eine clevere Neuinterpretation der Maybach-Idee: Die Mercedes-Maybach S-Klasse basierte nun direkt auf der aktuellen S-Klasse der Baureihe W 222, erhielt jedoch zahlreiche exklusive Modifikationen. Der Radstand wurde gegenüber der Lang-Version der S-Klasse um weitere 200 Millimeter auf 3.365 Millimeter verlängert, was den Fondpassagieren einen deutlich spürbaren Raumvorteil verschaffte. Die Designsprache blieb bewusst näher an der S-Klasse als bei den Vorgängermodellen, mit subtilen Unterscheidungsmerkmalen wie der Maybach-typischen Kühlergrill-Gestaltung mit vertikalen Streben, speziellen Zweifarblackierungen und dem beleuchteten Maybach-Emblem in den C-Säulen.
Zum Marktstart standen zwei Motorisierungen zur Verfügung: Der S 500 mit 4,7-Liter-V8-Biturbo und 335 kW (455 PS) sowie der S 600 mit 6,0-Liter-V12-Biturbo und 390 kW (530 PS). Beide Varianten verfügten serienmäßig über Allradantrieb 4MATIC, beim V12-Modell handelte es sich um eine Premiere, da dieser Motor zuvor nur mit Hinterradantrieb kombiniert wurde. Das Fahrwerk mit Magic Body Control und Luftfederung sorgte für einen schwebenden Fahrkomfort. Im Innenraum erwartete die Passagiere ein Höchstmaß an Individualisierung: Exklusive Lederfarben, Holz- und Metallveredelungen, beheizbare und belüftete Executive-Sitze im Fond mit Massagefunktion und bis zu 18 elektrischen Einstellmöglichkeiten sowie optionale Ausstattungen wie der Refrigerator für Champagner oder das Burmester High-End 3D-Surround-Soundsystem mit 24 Lautsprechern.
Facelift X 222 (2018-2020)
Im Jahr 2018 erhielt die Mercedes-Maybach S-Klasse zusammen mit der regulären S-Klasse ein umfassendes Facelift. Die optischen Änderungen umfassten überarbeitete LED-Scheinwerfer mit MULTIBEAM-Technologie, eine modifizierte Frontschürze und neue Heckleuchten. Im Innenraum zog modernste Technologie ein: Das volldigitale Cockpit mit zwei 12,3-Zoll-Displays wurde Standard, ebenso die neueste Generation des COMAND-Infotainmentsystems mit Touchpad und Sprachsteuerung. Die Motorenpalette wurde aktualisiert: Der S 560 4MATIC ersetzte den S 500 und bot einen neu entwickelten 4,0-Liter-V8-Biturbo mit 345 kW (469 PS). Der S 650 mit V12-Motor lieferte nun 463 kW (630 PS). Neu hinzu kam der Mercedes-Maybach S 560 e, ein Plug-in-Hybrid mit 3,0-Liter-Reihenechszylinder und Elektromotor, der eine Systemleistung von 350 kW (476 PS) bot und eine rein elektrische Reichweite von etwa 50 Kilometern ermöglichte – ein wichtiger Schritt angesichts verschärfter Emissionsvorschriften.
Aktuelle Generation: Z 223 (seit 2021)
Die zweite Generation der Mercedes-Maybach S-Klasse wurde im November 2020 vorgestellt und basiert auf der Baureihe Z 223 der S-Klasse. Mit einem nochmals um 18 Zentimeter auf 5,47 Meter verlängerten Radstand und einer Gesamtlänge von 5,47 Metern bietet sie noch mehr Raum im Fond. Das Design wurde behutsam weiterentwickelt: Die Maybach-typische Kühlergrill-Chromleiste mit 25 vertikalen Streben, die zweigeteilten Scheinwerfer mit digitalem Mikro-Linsen-Licht und die eleganten Proportionen unterstreichen den exklusiven Charakter. Erstmals sind auch Zweifarblackierungen mit bis zu sechs verschiedenen Farbkombinationen erhältlich.
Technologisch setzt die Z 223 neue Maßstände: Das MBUX-Infotainmentsystem der zweiten Generation mit Augmented-Reality-Navigation, das optionale Head-up-Display mit AR-Funktionen, das Fahrassistenzsystem mit Niveau 3 autonomem Fahren (Drive Pilot, optional) und die E-ACTIVE BODY CONTROL mit 48-Volt-System, die jeden Radeinzelradstand hydraulisch ansteuert und für maximalen Komfort sorgt. Im Fond befinden sich Executive-Sitze mit bis zu zehn Massageprogrammen, beheizte Armlehnen, ausklappbare Fußstützen und auf Wunsch ein Airbag im Sicherheitsgurt.
Die Motorisierung umfasst aktuell den S 580 4MATIC mit 4,0-Liter-V8-Biturbo und 380 kW (503 PS), gekoppelt an eine 9-Gang-Automatik 9G-TRONIC. Der V12-Motor wurde vorerst nicht fortgeführt, dafür kam 2023 der Mercedes-Maybach S 680 4MATIC mit dem bewährten 6,0-Liter-V12 und 450 kW (612 PS) hinzu – als emotionale Antwort auf Kundenwünsche nach einem Zwölfzylinder. Für chinesische und asiatische Märkte ist zudem der S 680 mit verlängertem Radstand erhältlich. Die Preise beginnen in Deutschland bei etwa 181.550 Euro für den S 580, während der S 680 deutlich über 230.000 Euro liegt.
Sondermodelle und Individualisierung
Mercedes-Maybach bietet über das Programm "Maybach Manufaktur" weitreichende Individualisierungsmöglichkeiten. Kunden können aus exklusiven Lackierungen, Lederfarben, Holzfurnieren und speziellen Designpaketen wählen. Besonders begehrt sind die Maybach-exklusiven Zweifarblackierungen mit handgezogener Trennlinie. Sondermodelle wie die "Edition 100" zum 100-jährigen Maybach-Jubiläum 2021 oder limitierte Farbvarianten unterstreichen den Anspruch, jedes Fahrzeug zu einem Unikat zu machen. Die Fertigung erfolgt im Mercedes-Werk Sindelfingen in einer speziellen Maybach-Manufaktur, wo ausgewählte Spezialisten die Fahrzeuge mit hohem Handarbeitsanteil finalisieren.
Marktpositionierung und Konkurrenz
Mit der Integration von Maybach in die S-Klasse-Baureihe gelang Mercedes-Benz, was mit den eigenständigen Maybach-Modellen nicht geglückt war: eine wirtschaftlich erfolgreiche Luxusmarke zu etablieren. Die Mercedes-Maybach S-Klasse positioniert sich zwischen der regulären S-Klasse und klassischen Ultra-Luxus-Marken wie Rolls-Royce und Bentley. Sie bietet deutlich mehr Exklusivität und Komfort als eine S-Klasse, bleibt aber preislich und in der Wahrnehmung diskreter als ein Rolls-Royce Phantom. Besonders in China, dem wichtigsten Markt für Luxuslimousinen, erfreut sich die Maybach S-Klasse großer Beliebtheit. Die jährlichen Verkaufszahlen liegen weltweit im mittleren vierstelligen Bereich, deutlich höher als bei den Vorgängermodellen 57 und 62.
Ausblick
Mercedes-Benz hat angekündigt, die Marke Maybach weiterzuentwickeln. Neben der S-Klasse gibt es mittlerweile auch den Maybach GLS als SUV-Variante und mit dem Maybach EQS SUV die erste vollelektrische Maybach-Interpretation. Die Zukunft der Marke dürfte auch eine elektrische Maybach S-Klasse beinhalten, wenn die S-Klasse auf eine dezidierte Elektro-Plattform wechselt. Bis dahin bleibt die aktuelle Generation Z 223 das Flaggschiff der Marke und ein Symbol für höchsten automobilen Luxus aus deutscher Produktion.