Erste Generation V251 (2006–2012): Der Grand Sports Tourer
Im Januar 2006 startete Mercedes-Benz die R-Klasse der Baureihe V251 auf dem deutschen Markt. Das Design orientierte sich an der damaligen M-Klasse und kombinierte SUV-Proportionen mit der Eleganz einer Limousine. Die Frontpartie mit der markanten Kühlergrill-Gestaltung und die fließende Dachlinie sollten einen dynamischen Auftritt vermitteln. Zur Markteinführung standen verschiedene Motorisierungen zur Verfügung: Der R 280 CDI mit 3,0-Liter-V6-Diesel leistete 190 PS, während der R 320 CDI mit gleichem Hubraum 224 PS bot. Bei den Benzinern reichte das Spektrum vom R 350 mit 272 PS über den R 500 mit V8 und 306 PS bis zum Topmodell R 63 AMG, das mit einem 6,2-Liter-V8 und 510 PS aufwartete. Alle Modelle verfügten serienmäßig über Allradantrieb 4MATIC und eine Sieben-Gang-Automatik 7G-TRONIC.
Das Raumangebot war großzügig: In der Langversion (5157 mm Länge) fanden bis zu sieben Personen Platz, die Kurzversion war 5027 mm lang und bot sechs Sitze. Die zweite Sitzreihe war längsverschiebbar und in der Neigung verstellbar, die dritte Reihe ließ sich bei Bedarf im Boden versenken. Die Ausstattung entsprach dem Mercedes-Premium-Anspruch mit Luftfederung AIRMATIC, umfangreichen Sicherheitssystemen wie PRE-SAFE und zahlreichen Komfortfeatures. Der Kofferraum fasste zwischen 350 und 2385 Liter. Das Leergewicht bewegte sich je nach Motorisierung zwischen 2110 und 2300 kg. Die Positionierung zwischen Van, SUV und Limousine erwies sich jedoch als schwierig: Für viele Kunden war die R-Klasse zu teuer im Vergleich zur Viano, zu wenig geländegängig im Vergleich zur M-Klasse und zu wenig prestigeträchtig gegenüber der S-Klasse.
Facelift 2010 (V251 Phase II): Modernisierung und Modellpflege
Im Sommer 2010 erhielt die R-Klasse ein umfassendes Facelift. Die Frontpartie wurde neu gestaltet mit überarbeiteter Stoßfängerform, neuen Scheinwerfern und einem modifizierten Kühlergrill. Die Heckleuchten bekamen eine neue LED-Technik, und auch die Seitengestaltung wurde leicht angepasst. Im Innenraum gab es ein überarbeitetes Lenkrad, neue Materialien und ein aktualisiertes COMAND-System. Die Motorenpalette wurde gestrafft und modernisiert: Der R 300 CDI mit 3,0-Liter-V6-Diesel leistete nun 231 PS, der R 350 CDI brachte es auf 265 PS. Beim Benziner bot der R 350 mit V6 und 3,5 Litern Hubraum 306 PS. Das AMG-Modell entfiel nach dem Facelift aus dem Programm.
Mercedes verbesserte auch die Effizienz: Durch BlueEFFICIENCY-Maßnahmen wie Start-Stopp-Automatik, optimierte Aerodynamik und Leichtlaufreifen sank der Verbrauch. Der R 300 CDI gab sich offiziell mit 7,1 Litern Diesel auf 100 Kilometer zufrieden. Die Luftfederung wurde weiterentwickelt und bot nun noch mehr Komfort. Trotz dieser Verbesserungen blieben die Verkaufszahlen in Deutschland und Europa schwach. In China hingegen entwickelte sich die R-Klasse zum Erfolgsmodell, was Mercedes dazu bewog, die Produktion primär auf den asiatischen Markt auszurichten. Die Langversion mit verlängertem Radstand wurde dort besonders geschätzt, da sie im Fond limousinenartige Platzverhältnisse bot und häufig mit Chauffeur gefahren wurde.
Produktionsende 2017: Auslauf ohne Nachfolger
Ab 2013 wurde die R-Klasse in Europa nicht mehr aktiv vermarktet, einzelne Modelle wurden nur noch auf Bestellung geliefert. Die Produktion konzentrierte sich vollständig auf China, wo eine speziell für diesen Markt angepasste Version mit verlängertem Radstand weiterhin angeboten wurde. Diese chinesische R-Klasse erhielt 2013 nochmals dezente optische Retuschen und aktualisierte Assistenzsysteme. Die Motorisierungen beschränkten sich auf den R 320 CDI 4MATIC und den R 400 4MATIC mit V6-Benziner und 333 PS. Im Februar 2017 endete schließlich auch die Produktion für den chinesischen Markt im Mercedes-Werk in Tuscaloosa, Alabama. Eine zweite Generation wurde nicht entwickelt.
Insgesamt wurden weltweit etwa 150.000 Einheiten der R-Klasse verkauft – deutlich weniger als von Mercedes erhofft. Die Gründe für den mäßigen Erfolg waren vielfältig: Die unklare Positionierung zwischen mehreren Fahrzeugklassen, der hohe Preis, das eigenwillige Design und die Konkurrenz durch andere Mercedes-Modelle. Viele potenzielle Käufer entschieden sich für die praktischere V-Klasse, die sportlichere M-Klasse oder die prestigeträchtigere S-Klasse. Auch die aufkommende Konkurrenz durch Premium-SUVs mit sieben Sitzen wie Audi Q7, BMW X5 oder Volvo XC90 machte der R-Klasse das Leben schwer. Im Nachhinein gilt die R-Klasse als mutiger, aber kommerziell gescheiterter Versuch, eine neue Fahrzeugkategorie zu etablieren.
Technische Basis und Plattform
Die R-Klasse basierte auf der Plattform der zweiten M-Klasse (W164), nutzte aber einen verlängerten Radstand von 3215 mm (Kurzversion) bzw. 3360 mm (Langversion). Die selbsttragende Karosserie bestand aus Stahl mit Aluminium-Elementen an Motorhaube und Heckklappe zur Gewichtsreduktion. Die Vorderachse war als Doppelquerlenker-Konstruktion ausgeführt, hinten kam eine Mehrlenkerachse zum Einsatz. Serienmäßig verfügten alle Modelle über die Luftfederung AIRMATIC mit adaptiver Dämpferregelung ADS, die je nach Fahrsituation und Beladung das Niveau regelte und zwischen Komfort- und Sportabstimmung wechselte. Der permanente Allradantrieb 4MATIC verteilte die Kraft im Normalfall im Verhältnis 45:55 zwischen Vorder- und Hinterachse, konnte aber variabel bis zu 30:70 verschieben.
Die Sicherheitsausstattung war umfangreich: Sieben Airbags (später neun), ESP mit Bremsassistent, aktive Kopfstützen und das PRE-SAFE-System, das bei drohenden Unfällen präventiv Gurtstraffer aktivierte und Sitze sowie Kopfstützen in Schutzposition brachte. Optional gab es bereits 2006 moderne Assistenzsysteme wie Distronic-Tempomat mit Abstandsregelung, Spurhalte-Assistent und Nachtsicht-System. Die Aerodynamik war mit einem cw-Wert von 0,32 für ein Fahrzeug dieser Größe und Höhe gut. Die Wendigkeit blieb trotz der Länge akzeptabel: Der Wendekreis betrug etwa 12,3 Meter. Das Zugvermögen lag je nach Motorisierung zwischen 2000 und 2700 kg, was die R-Klasse auch für Anhängerbetrieb qualifizierte.
Ausstattung und Komfort
Die R-Klasse zielte klar auf komfortorientierte Kunden ab. Schon in der Serienausstattung waren Ledersitze, Klimaautomatik, elektrisch verstellbare Vordersitze mit Memory-Funktion, Holzapplikationen, ein hochwertiges Soundsystem und das COMAND-Navigationssystem enthalten. Die Sitzlandschaft war variabel: Die zweite Reihe bot wahlweise zwei Einzelsitze oder eine Dreiersitzbank, die dritte Reihe bestand aus zwei Einzelsitzen, die sich elektrisch im Laderaumboden versenken ließen. Optional gab es ein Panorama-Glasdach, das sich über die ersten beiden Sitzreihen erstreckte und für ein luftiges Raumgefühl sorgte.
Gegen Aufpreis waren zahlreiche Extras verfügbar: beheizte und belüftete Sitze, Vier-Zonen-Klimaautomatik, Standheizung, elektrische Schiebetüren, Rückfahrkamera, KEYLESS-GO, Harman-Kardon-Soundsystem, TV-Tuner und ein Kühlschrank zwischen den Vordersitzen. Für die Fondpassagiere gab es ein DVD-Unterhaltungssystem mit zwei Displays in den Kopfstützen der Vordersitze. Die Verarbeitung entsprach dem Mercedes-Standard der 2000er-Jahre mit hochwertigen Materialien und solider Montage. Das Instrumentarium war klar ablesbar, die Bedienung des COMAND-Systems erfolgte über einen Dreh-Drück-Steller in der Mittelkonsole. Nach dem Facelift 2010 kam ein größerer Bildschirm und eine überarbeitete Menüstruktur hinzu.
Marktpositionierung und Kundenkreis
Mercedes positionierte die R-Klasse als luxuriöse Alternative zu Vans wie dem eigenen Viano und als komfortablere Option im Vergleich zur M-Klasse für Familien, die mehr Platz benötigten. Die Preise starteten 2006 bei etwa 47.000 Euro für den R 280 CDI und reichten bis über 90.000 Euro für den R 63 AMG. Damit lag die R-Klasse deutlich über der V-Klasse und auf Höhe gut ausgestatteter M-Klasse-Modelle. Die Zielgruppe waren Familien mit gehobenen Ansprüchen, die Wert auf Prestige, Komfort und Variabilität legten, aber keine klassische Van-Optik wünschten. In der Praxis zeigten sich jedoch viele potenzielle Käufer vom Design gespalten: Während einige die elegante Linienführung schätzten, empfanden andere das Fahrzeug als zu bullig oder unharmonisch proportioniert.
In China hingegen traf die R-Klasse einen Nerv: Dort wurde sie primär von wohlhabenden Geschäftsleuten als chauffiergefahrenes Fahrzeug genutzt. Die großzügigen Platzverhältnisse im Fond, die luxuriöse Ausstattung und das Mercedes-Prestige machten sie zur beliebten Alternative zur S-Klasse, zugleich bot sie mehr Flexibilität für Familienausflüge. Die Langversion mit über fünf Metern Länge war dort besonders gefragt. In Europa blieb die R-Klasse hingegen ein Nischenprodukt, das vor allem von Mercedes-Enthusiasten und Kunden geschätzt wurde, die bewusst etwas Anderes als den Mainstream suchten.
Gebrauchtwagenmarkt und heutige Bedeutung
Auf dem Gebrauchtwagenmarkt ist die R-Klasse heute selten anzutreffen, was an den niedrigen Verkaufszahlen liegt. Die Preise sind im Vergleich zum Neupreis stark gefallen: Frühe Modelle aus 2006-2008 sind bereits ab etwa 8.000 bis 15.000 Euro zu finden, gut gepflegte Exemplare nach dem Facelift kosten zwischen 15.000 und 30.000 Euro. Beim Kauf sollte besonders auf den Zustand der Luftfederung geachtet werden, da Reparaturen teuer sein können. Auch die Elektronik mit ihren zahlreichen Komfortsystemen kann anfällig sein. Die Motoren gelten bei regelmäßiger Wartung als zuverlässig, wobei die Diesel-V6 besonders beliebt sind. Die R-Klasse bietet Käufern heute ein hohes Maß an Komfort und Platz zu moderaten Preisen, allerdings müssen Unterhalt und Ersatzteilkosten auf Mercedes-Niveau einkalkuliert werden. Als Youngtimer-Kandidat wird vor allem der R 63 AMG gehandelt, von dem nur wenige hundert Exemplare gebaut wurden.