Die erste Generation: W638 (1996-2003)
Der ursprüngliche Mercedes-Benz Vito (Baureihe W638) wurde 1996 als Nachfolger des MB 100 eingeführt und markierte einen Paradigmenwechsel in der Transporter-Philosophie von Mercedes-Benz. Mit frontgetriebener Architektur und quer eingebautem Motor brach der W638 mit der traditionellen Heckantriebskonstruktion und bot eine niedrige Ladekante sowie ein deutlich kompakteres Konzept. Die Motoren umfassten anfangs Vierzylinder-Benziner mit 2,0 und 2,3 Litern Hubraum sowie Dieselmotoren mit 2,2 und 2,3 Litern, die zwischen 79 PS und 143 PS leisteten. Der W638 war in drei Radständen und verschiedenen Aufbauvarianten erhältlich: als Kastenwagen, als Kombi mit Fenstern und Bestuhlung für bis zu neun Personen sowie als luxuriösere V-Klasse für den Personentransport. Die Ladelänge reichte je nach Version von 2.235 bis 2.805 mm, die Nutzlast lag bei bis zu 1.265 kg. Technisch war der W638 solide, aber einfach konstruiert, mit Einzelradaufhängung vorne und Starrachse hinten. Ein wichtiges Facelift erfolgte 1998, bei dem die Front leicht modifiziert und die Motorenpalette überarbeitet wurde. Der CDI-Dieselmotor mit Common-Rail-Einspritzung brachte mehr Leistung und bessere Effizienz. Die erste Vito-Generation etablierte das Modell erfolgreich am Markt und verkaufte sich besonders gut bei Handwerkern, Lieferdiensten und als Familien-Großraumlimousine.
Die zweite Generation: W639 (2003-2014)
Im September 2003 präsentierte Mercedes-Benz die zweite Vito-Generation (W639), die einen deutlichen Sprung in Qualität, Design und Komfort darstellte. Die Karosserie wurde komplett neu entwickelt und wirkte deutlich moderner und aerodynamischer. Die Front erhielt die für Mercedes-Benz typische geschwungene A-Säule und klarer gezeichnete Scheinwerfer. Der W639 war erneut in drei Längen verfügbar: kompakt (4.998 mm), lang (5.243 mm) und extralang (5.493 mm), wobei die Nutzlast auf bis zu 1.280 kg stieg. Die Motorenpalette wurde umfassend modernisiert: Benziner mit 2,0 bis 3,7 Litern Hubraum und 129 bis 258 PS sowie CDI-Diesel mit 2,1 und 3,0 Litern Hubraum, die zwischen 95 und 224 PS leisteten. Besonders der V6-Diesel mit 3,0 Litern und 224 PS im Vito 3.0 bot überraschend sportliche Fahrleistungen. Technisch bot der W639 erstmals Sicherheitssysteme wie ESP serienmäßig, adaptive Bremslichter und optionale Assistenzsysteme, die zuvor in dieser Fahrzeugklasse unüblich waren. 2007 erhielt der W639 ein erstes Facelift mit überarbeiteter Front, neuen Scheinwerfern und verbesserter Innenausstattung. Die Motoren wurden weiter optimiert, und BlueEFFICIENCY-Technologien zur Verbrauchsreduzierung wurden eingeführt. Ein zweites, umfassenderes Facelift folgte 2010, bei dem die Front erneut modernisiert wurde und die Motorenpalette auf Euro-5-Norm aktualisiert wurde. Die V-Klasse als luxuriösere Variante erhielt besonders hochwertige Materialien und Ausstattungsoptionen. Der W639 war kommerziell äußerst erfolgreich und wurde über elf Jahre produziert, was seine ausgereifte Konstruktion unterstreicht.
Die dritte Generation: W447 (seit 2014)
Die im Oktober 2014 vorgestellte dritte Vito-Generation (W447) markierte einen Neuanfang mit komplett eigenständiger Architektur. Mercedes-Benz trennte dabei die Modelllinien: Die luxuriösere V-Klasse wurde zum eigenständigen Modell für den Personentransport, während der Vito sich auf die Nutzfahrzeug-Rolle konzentrierte – allerdings mit deutlich höherem Komfortniveau als frühere Generationen. Die Karosserie des W447 ist deutlich windschnittiger gestaltet als beim Vorgänger, mit einem cW-Wert ab 0,31 – ein herausragender Wert für einen Kastenwagen. Das Design orientiert sich stärker an der Pkw-Designsprache von Mercedes-Benz mit geschwungenen Linien und einer markanten Frontpartie. Der W447 wird in zwei Längen angeboten: kompakt (5.140 mm) und lang (5.370 mm), mit Dachhöhen von 1.910 oder 2.280 mm. Die Nutzlast liegt je nach Ausführung bei bis zu 1.369 kg, das Ladevolumen reicht von 6,0 bis 7,4 m³ beim Kastenwagen. Die Motorenpalette beim Marktstart umfasste moderne Vierzylinder-Dieselmotoren der OM-651-Baureihe mit 2,1 Litern Hubraum in vier Leistungsstufen: 88 PS, 114 PS, 136 PS und 163 PS. Alle Motoren erfüllten die Euro-6-Norm und waren wahlweise mit 6-Gang-Schaltgetriebe oder 7G-TRONIC PLUS Automatikgetriebe kombinierbar. Heckantrieb war Standard, Allradantrieb optional verfügbar. Technisch bot der W447 zahlreiche Neuheiten: AGILITY CONTROL für adaptives Fahrwerk, ATTENTION ASSIST gegen Sekundenschlaf, Crosswind Assist gegen Seitenwind, aktiver Bremsassistent mit Kollisionswarnung und zahlreiche weitere Systeme aus der Pkw-Welt. Das Interieur wurde deutlich aufgewertet mit hochwertigeren Materialien, einem neuen Armaturenbrett mit zentralem Farbdisplay und besserer Ergonomie. Die Sitze bieten mehr Komfort und Seitenhalt als beim Vorgänger.
Facelift 2020 und Elektrifizierung: eVito und eVito Tourer
Im Frühjahr 2020 erhielt die dritte Generation ein umfangreiches Facelift, das sowohl optische als auch technische Verbesserungen brachte. Die Front wurde modernisiert mit einem neuen Kühlergrill, LED-Scheinwerfern und einer klarer strukturierten Frontschürze. Das Interieur profitierte von einem neuen Multifunktionslenkrad, einem überarbeiteten Armaturenbrett und verbesserten Materialien. Das wichtigste Novum war jedoch die Einführung des rein elektrischen eVito, der bereits 2018 als Prototyp angekündigt und nun serienreif war. Der eVito nutzt einen Elektromotor mit 85 kW (116 PS) und 295 Nm Drehmoment, kombiniert mit einer 60-kWh-Batterie (netto: 55 kWh), die eine Reichweite von bis zu 184 km nach WLTP ermöglicht – ausreichend für innerstädtische Lieferdienste und Handwerksbetriebe. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 120 km/h begrenzt, das Fahrzeug lädt mit bis zu 50 kW DC-Leistung in etwa 45 Minuten von 10 auf 80 Prozent. 2021 wurde die Batterie auf 90 kWh (netto: 77 kWh) vergrößert, was die Reichweite auf bis zu 268 km steigerte. Parallel zum eVito wurde auch die V-Klasse elektrifiziert als eVito Tourer, der sich technisch nicht unterscheidet, aber eine luxuriösere Ausstattung und Bestuhlung für bis zu acht Passagiere bietet. Die Dieselmotoren wurden mit dem Facelift auf die neue OM-654-Baureihe umgestellt, die effizienter und sauberer arbeitet. Die Leistungsspanne reicht nun von 102 PS bis 190 PS, alle Motoren erfüllen die Euro-6d-Norm. Das 9G-TRONIC Automatikgetriebe mit neun Gängen ersetzte die bisherige 7-Gang-Automatik und sorgt für sanftere Gangwechsel und niedrigeren Verbrauch. Auch die Assistenzsysteme wurden erweitert: Active Brake Assist der fünften Generation kann nun auch Fußgänger erkennen und notfalls autonom bremsen, der Totwinkelassistent wurde verbessert, und ein Müdigkeitswarner gehört zur Serienausstattung.
Marktpositionierung und Konkurrenz
Der Mercedes-Benz Vito positioniert sich im hart umkämpften Segment der mittelgroßen Transporter, in dem er gegen etablierte Konkurrenten wie den VW Transporter T6.1, Ford Transit Custom, Renault Trafic, Opel Vivaro, Peugeot Expert und Fiat Talento antritt. Die Stärken des Vito liegen traditionell in der hohen Verarbeitungsqualität, dem Komfort, der Langlebigkeit und dem umfassenden Servicenetz von Mercedes-Benz. Der Stern auf der Haube bedeutet für viele gewerbliche Kunden auch ein Statement und Vertrauen in die Marke. Die Preise liegen entsprechend über dem Durchschnitt: Ein Vito Kastenwagen in der Basis-Ausstattung startet bei etwa 35.000 Euro netto, gut ausgestattete Versionen mit Automatik und Allrad können deutlich über 50.000 Euro kosten. Der eVito beginnt bei rund 50.000 Euro netto vor Förderung, profitiert aber von staatlichen Umweltprämien, die ihn im Total Cost of Ownership konkurrenzfähig machen. Besonders im urbanen Lieferverkehr und bei Handwerksbetrieben mit festen Routen erfreut sich der eVito wachsender Beliebtheit. Die hohe Variabilität des Vito – von spartanisch ausgestatteten Kastenwagen über praktische Kombis bis zu luxuriösen Tourern – macht ihn für unterschiedlichste Einsatzzwecke attraktiv. Auch als Basis für Sonderaufbauten, etwa Kühlfahrzeuge, Krankenwagen oder Wohnmobile, ist der Vito aufgrund seiner robusten Konstruktion beliebt.